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Tiny House Ville bei IKEA rückt ab

Besuch im Tiny House Ville

Das „Tiny House Ville“ wandert seit Monaten durch Berlin. Mit Stationen am Bauhaus-Museum in Tiergarten und vor der URANIA in Schöneberg, hat es einen Monat lang vom 12.4.-13.5.2019 Station auf dem IKEA-Parkplatz in Lichtenberg gemacht.

Hinter der „Tiny-House“-Idee steckt ein ganzes junges Team, das aus Architekt*innen, Städteplaner*innen, Tischler*innen, Medienmacher*innen und Wissenschaftler*innen besteht. Die Faszination des eigenen Hausbaus wird propagiert: „Wir lieben Tiny Houses. Und wir werden nicht ruhen, bis jeder Mensch auch eins gebaut hat.“

Inzwischen wird das „Tiny House Ville“ wieder abgeräumt und wandert an einen anderen Ort.

Das „Tiny House Ville“ in der Landsberger Allee 364 spielte ein wenig mit Berliner Wahrzeichen: Bildhauer Thomas Pollhammer hat ein neues Haus entworfen: Das „Lichtenberger Tor“. Es ist dem Brandenburger Tor nachempfunden, nur als 8-Quadratmeter-Miniatur-Version auf Rädern. Das „Lichtenberger Tor“ ist eine hölzerne Version des Berliner Wahrzeichens, geschrumpft auf sechs Meter Höhe und so klein, dass es in ein PKW-Parkplatz passt.

Zwischen den Stützen befinden sich kleine Räume, in denen eine öffentliche Bücherei mit „99 Books“, ein Sozialkiosk, eine öffentliche Dusche und Kompostklo untergebracht sind. Auf dem Dach prangt eine Skulptur, die der Silhouette der berühmten Quadriga nachempfunden ist.

Lichtenbergs Bezirksbürgermeister besuchte das „Tiny House Ville“ am 23. April 2019 und weihte es zusammen mit Thomas Pollhammer und Van Bo Le-Mentzel von der Tiny Foundation ein.

Tiny Houses: zwischen Selbsthilfe, Wohnalternativen und Zukunftsmodellen

Thomas Pollhammer lebte viele Jahre unentdeckt im Plänterwald in einer selbst gebauten Hütte. Er geriet in den letzten Monaten häufig in die Schlagzeilen, weil von einem Förster entdeckt wurde. Die gemeinnützige Tiny Foundation hat dem Künstler in einer spektakulären Wochenendaktion das Haus auf einen fahrbaren Untersatz gesetzt und zeitweise im „Tiny House Ville“ in Lichtenberg untergebracht.

Als Selbsthilfe-Modell sind Tiny-Houses scheinbar eine Alternative, um der Obdachlosigkeit in der Stadt zu entrinnen. Doch das Baurecht setzt den Tiny-Houses enge Grenzen. Nur temporäre Nutzungen sind geduldet.

In Berlin-Spandau wird z.B. gerade am Breitehorn ein langjährig genutzter geordneter Camping-Platz mit Wohnwagen und Campingmobilen gekündigt, um dem Naturschutz und dem Naherholungstourismus neuen Raum zu verschaffen.

Thomas Pollhammer und Van Bo Le-Mentzel sehen die Tiny Houses vor allem als Selbstermächtigungs-Methode und wollen auch die „Housing First“-Ideen des Berliner Sozialsenats unterstützen.

Ob Tiny Houses als neue Stadtvision taugen, ist jedoch fraglich. Die durchschnittliche Wohnfläche je Person beträgt in Deutschland rund 41 Quadratmeter, mit eigener Küche, Duschbad und WC. Tiny Houses verfügen in der Regel nicht über eigene Abwasseranschlüsse und haben allenfalls Komposttoiletten an Bord.

Ob 10 Quadratmeter Tiny-House angemessener Wohnraum sind, würde das Mietrecht negativ beantworten.

Die Macher der Tiny-Houses sehen es diese als „Konzepte für gemeinschaftliches Wohnen in der Stadt.“ Doch es ist „bodenlose Architektur“, die den darin lebenden Menschen auch zur „Manövriermasse“ macht. Auf Rädern kann ein Tiny House fast nach Belieben in der Stadt hin und her geschoben werden. Urbanität ist das nicht – sondern Auflösung der Stadt, auch ihrer Stadtrechte und ihrer Bürgerrechte. Architekten kennen dafür auch den Begriff „Suburbanisierung“.

Die Idee der 100-Euro-Wohnungen wird inzwischen auch von Bauinvestoren genutzt, aber ganz anders als gedacht. Mikroappartments werden plötzlich marktfähig, zu Preisen, die bis zu 45 €/m²/Monat Mietertrag für die Investoren einspielen. Fertige Wohnzellen werden inzwischen sogar weltweit zum Massenprodukt.

Besuch im Tiny House Ville
Thomas Pollhammer, Van Bo Le-Mentzel, Michael Grunst mit Quadriga-Symbol – Foto: © Bezirksamt Lichtenberg

Tiny Houses – wird die Wohnung zum Wohnmöbel?

Mit dem Tiny House Ville auf dem Kundenparkplatz des Marktführers im Möbelhandel wird von Architektinnen und Wohnungslosen auf die prekäre Wohnsituation vieler Menschen in Berlin hingewiesen. Für die Möbelindustrie wird durch die Tiny-House-Idee längst zu neuen Geschäftsideen inspiriert. Ganz nebenbei wird damit die Wohnung zum „Wohnmöbel“, das auch kein Grundbuch und kein festes zugeordnetes Grundstück benötigt. Pacht auf Zeit, Zwischennutzung und Nutzung von Parkplätzen werden so zu einem neuen Feld von Geschäften für Grundstückseigentümer und Ferienwohnungsanbieter. Maximale Miet- und Pachterträge ohne eigene Investitionen werden möglich.

Ob die Visionen und Architekten-Träume zur Behebung der Wohnungsnot und Knappheit wirklich taugen, ist eine offene Frage. Ideen wie „Co-Being House“(Gemeinschaftshäuser) oder „Circular Cities“ (Neubauviertel mit Kleingärten & Lauben auf Industriedächern) sind wohl eher „Notphantasien“ einer Gesellschaft, die Spargelder lieber zinslos auf Festgeld-Konten parkt, statt „Circular Money“ in festen Bauten zu investieren.

Arbeitslosigkeit, Armut und Obdachlosigkeit sind nicht durch „rollende Notlösungen“ zu bekämpfen! Nur eine Politik des „locker angelegten Geldes“ kann Arbeit, Wohnung und Wohlstand schaffen.

Autor: Dipl. Ing. Michael Springer

Quelle: Pressemitteilung Bezirksamt Lichtenberg | 18.04.2019

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